Freundschaftsverein Tczew-Witten e.V.



Gedenkveranstaltung: – kann nicht stattfinden

Samstag, den 21. März 2020 um 15.00 Uhr

Evangelischer Friedhof Witten Bommern – »Gedenkstein für die im März 1920 gefallenen Freiheitskämpfer«

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Kapp-Putsches

Eine Veranstaltung mit Dr. Frank Ahland und Prof. Dr. Traugott Jähnichen

Gedenken an den Gräbern der auf dem Evangelischen Friedhof Witten Bommern bestatteten Verteidigern der Weimarer Republik gegen den rechtsnationalistischen Kapp-Lüttwitz-Putsch.
Der Putsch rechtsnationalistischer Kreise gegen die jungen Weimarer Republik war eine erste sehr ernste Bedrohung für die mit der Novemberrevolution 1918 gewonnene Demokratie und Freiheit. Im Abstand von hundert Jahren und insbesondere angesichts der weiterhin bestehenden Gefahr durch rechten Terror, ist es an der Zeit, die historischen Ereignisse ohne Idealisierung und Legenden zu betrachten. Zwar gelang es 1920 den Putsch der kaisertreuen, nationalistischen Eliten aus dem untergegangenen Kaiserreich durch ein breites Bündnis zurückzuschlagen, die Gefahr von Rechts war damit aber noch nicht gebannt. Erst im Widerstand gegen den Nationalsozialismus kam es zu einer konstruktiven Zusammenarbeit von Politikern der Arbeiterbewegung, des Bürgertums und Vertretern des Adels und zu konkreten Überlegungen über eine zukünftige demokratische Ordnung in Deutschland, die im Grundgesetz in der Sozialpflichtigkeit des Eigentums, der sozialen Sicherung und dem Vorrang der persönlichen Grundrechte ihren Ausdruck findet.
Der Historiker Dr. Frank Ahland, wird einige Worte über die Geschichte des Gedenkortes sprechen. Prof. Dr. Traugott Jähnichen vom Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum wird in seinem Redebeitrag eingehen auf die Wandlungen im Gesellschaftsbild innerhalb der Evangelischen Kirche insbesondere die Überwindung nationalistischer und antidemokratischer Traditionen sowie die konstruktiven Beiträge des Protestantismus für den Aufbau eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates, die heute im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wiederzufinden sind. 


Inschrift des Gedenksteins auf dem Evangelischen Friedhof in Bommern

Inschrift des Gedenksteins auf dem Evangelischen Friedhof in Bommern


„Gedenkstein für die im März 1920 gefallenen Freiheitskämpfer“ auf dem Evangelischen Friedhof in Bommern im Frühjahr 2020

„Gedenkstein für die im März 1920 gefallenen Freiheitskämpfer“ auf dem Evangelischen Friedhof in Bommern im Frühjahr 2020


Ein Christ auf dem Weg: Martin Niemöller 

U-Bootkommandant, Freicorps-Kommandeur, Pfarrer, Kirchentagspräsidernt, Friedensaktivist

[…] Ich werde mich prüfen müssen und immer wieder prüfen müssen, […]


„Dann kam der Krieg mit seiner ehrlichen Begeisterung und Aufbrechen aller guten vaterländischen Instinkte; [...]

Ich bin in allem Grauen des Krieges mit sehr großer Selbstverständlichkeit und ohne eine Erschütterung, die mich in der letzen Tiefe der Seele gepackt hätte, hindurchgekommen; wenn ich auch nicht verschweigen will, daß die bange Frage  nach der Zukunft unseres Volkes im Falle einer Niederlage mich in den Zeiten der Ruhe und des Urlaubs beständig gedrückt hat.
Die Erschütterung, die endlich die Grundfesten meines Wesens und Daseins ins Wanken brachte, so daß ich eine Klärung und Entscheidung für meine Person vollziehen mußte, das war die Revolution, die kein Umbruch, sondern ein Zusammenbruch war! 
Damals versank meine Welt […]“  

Niemöller, Martin: Vom U-Boot zur Kanzel. Berlin, 1934. Seite 210



Günter Gaus im Gespräch mit Martin Niemöller. Sendung vom 30.10.1963


[...]

Gaus: [...] Glauben Sie, daß diese Definition, wie Sie sie gewählt haben, seinerzeit der durchschnittlichen Vorstellungswelt der evangelischen Kirche entsprach? Diese Hinwendung zum Volk, zum Nationalen, nicht zum Nächsten als dem Wichtigeren?

Niemöller: Ich glaube ja. Der nationale Anteil am kirchlichen Denken und Wollen war damals im Großen und Ganzen sehr viel stärker als der Blick auf den Nächsten. Das hatte man seit 70 Jahren, also seit der Zeit von Johann Hinrich Wichern mit der Gründung der Inneren Mission, eigentlich der freien Liebestätigkeit oder, ich denke an Stöcker und Naumann im Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung, einzelnen Christen überlassen. Das konnten die evangelischen Kirchen in Deutschland damals noch gar nicht aufgreifen, weil es nicht paßte. Kaiser Wilhelm II. hatte ja einmal, als die Stöcker-Geschichte begann zu Beginn der neunziger Jahre, den Ausdruck geprägt, und das war auch eine Art Dogma geworden: „Christlich-sozial ist Unsinn.“ Also die Kirche, die Landeskirche, die immer noch die Spuren und die Eierschalen des Staatskirchentums an sich trug, die kümmerte sich wohl ums Volk, aber nicht so sehr eigentlich um den Nächsten. Die Kirche kümmerte sich um den einzelnen Menschen als Gemeindeglied, als Kind, als Konfirmand, aber eigentlich nicht um das, was wir heute wieder unter dem Gebot "Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst" vor Augen haben und empfinden. Das lebte 1918 in dieser Weise noch nicht oder Ende 1919, als ich anfing, Theologie zu studieren. Es war für mich ganz und gar die Frage, wie diene ich meinem Volk am besten. Das habe ich, glaube ich, auch in meinem Buch "Vom U-Boot zur Kanzel" sehr zum Ausdruck gebracht.

[...]

Niemöller: Meine Sorge ist eigentlich zunächst um die Kirche gegangen. Dieses „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fester geglaubt, nicht brennender geliebt haben“ – so heißt, glaube ich, die Formulierung in der Stuttgarter Erklärung –, dies bezog sich ja zunächst mal auf die Leute, die sich als Christenmenschen verstehen. Wir Christenmenschen, wir haben versagt. Die Ökumene stand vor der Tür und wollte die Bekennende Kirche wieder hereinhaben in das kirchliche Gespräch der verschiedenen Konfessionen, der verschiedenen Völker und Rassen und Erdteile, und die große Gefahr war die, daß wir uns gewissermaßen als Christen und bekennende Christen herausnehmen ließen aus der Solidarität mit unserem schuldbeladenen und von der ganzen Welt damals verfluchten Volk. Das haben wir mit der Stuttgarter Schulderklärung zunächst mal vermieden. Wir haben uns nicht von unserem Volk distanziert, sondern haben gesagt, wir klagen uns an – uns selber, müßte der Text lauten, wenn man ihn liest, aber er wurde gesprochen –, wir klagen uns an, nämlich wir evangelische Christen, wir Menschen der Bekennenden Kirche, die man heute als die anständigen Deutschen ansieht und denen man eine vorzugsweise Behandlung zuteil werden lassen will. Das kommt nicht in Frage, sondern an der Schuld, die auf unserem Volk heute liegt nach dem Urteil der ganzen Menschheit, an dieser Schuld haben wir unseren Anteil; denn wir hatten den besten Weg gewußt und haben ihn nicht so vertreten, wie wir es unserem Volk und der Welt und unserem Herrn schuldig gewesen wären.

[...]

Gaus: Herr Kirchenpräsident, die Verführung des Nationalsozialismus ging aus auf ein Pseudochristentum im Sinne der so genannten Deutschen Christen. Könnte die Verführung des Bolschewismus nicht darin liegen, das Christentum überhaupt aufzugeben und sich der kommunistischen Idee als einer Ersatzkirche zu verschreiben?

Niemöller: Natürlich ist diese Möglichkeit gegeben. Bloß: Wer Christ ist und wer Christ bleiben möchte, der ist durch den Bolschewismus nicht versucht, denn der sagt offen: ich will das Christentum nicht. Dagegen sagte der Nationalsozialismus, wir wollen das Christentum, aber wie das Christentum aussehen soll, das machen wir mit unserem Parteiprogramm und seiner Übersetzung in die Praxis. Wenn ich für die Wiedervereinigung eingetreten bin, dann sieht das allerdings sehr nach Politik aus. Und trotzdem hat mein Eintritt in diese Auseinandersetzung im Grunde eine christliche Motivation gehabt. Mir ist sehr früh der Gedanke gekommen, uns geht es gut in der Bundesrepublik, und wir machen den steilen Aufstieg im wirtschaftlichen Wohlstand, und die Leute, die bezahlen müssen für das, was wir mit unserem ganzen Volk nun wirklich hier angerichtet haben, das sind die armen 17 Millionen hinter dem Eisernen Vorhang. Wir haben doch eine Verpflichtung, an deren Bestrafung oder jedenfalls an den Nachteilen, die sie jetzt bezahlen müssen, irgendwie teilzunehmen. Das heißt, wir müssen als ganzes deutsches Volk für das geradestehen, was angerichtet worden ist. Ich glaube, das ist, das war für mich jedenfalls eine unmittelbar christliche Motivierung, und ich konnte mich als Christ, so wie ich mein Christsein verstehe, dem nicht entziehen und mich nicht damit zufrieden geben: laß die Leute hinter dem Eisernen Vorhang ruhig ihre Reparationen bezahlen und ein kärgliches und armseliges Leben führen und ihre Freiheit verlieren und was sonst, wenn's uns bloß gut geht.





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