Freundschaftsverein Tczew-Witten e.V.


Reisebericht 2001
Die Backsteingotik des nördlichen Weichsellandes

Marienburg

Marienburg Gesamtansicht

Etwa 17 km von der Wittener Patenstadt Tczew (früher Dirschau) entfernt, liegt die gewaltige Anlage der Marienburg (heute Malborg).

Kurz vor 1280 wurde vom Deutschen Ritterorden diese Anlage begonnen, die von vornherein die Doppelfunktion von Burg und Kloster haben sollte.

Die strategische Lage an der Nogat, einem Seitenarm der Weichsel, erwies sich als so wichtig, daß die Klosterfestung ständig vergrößert wurde und schon wenige Jahre nach 1300 zum Hauptsitz des Hochmeisters des Deutschen Ritterordens bestimmt wurde.

Etwa um 1380 war die umfangreiche Festungsanlage mit dem so genannten Hochschloß, dem Mittelschloß und den Wirtschaftsgebäuden in der Vorburg in den Formen der hohen Gotik und den beginnenden Spätformen der Backsteingotik fertiggestellt.

In ganz Europa ist die Marienburg die bedeutendste, schönste und repräsentativste Festung in mittelalterlicher Backsteinbautechnik.
Vor ein paar Jahren wurde der ganze Burgkomplex zum Weltkulturerbe erklärt.

Es soll hier nicht die lange und wechselvolle Geschichte der Burg beschrieben werden, sondere eine kunstgeschichtliche Würdigung dieses Bauwerks in gedrängter Form versucht werden.

Das Hochschloß, in der Grundform fast genau quadratisch, spiegelt die Bautraditionen des Ordens in der Auseinandersetzung mit den islamischen Baugrundtypen im so genannten Heiligen Land (Syrien, Palästina) wider. ähnlich den Karawansereien und kleineren Kastellen ist das Hochschloß nach außen hin ein dekorativer Festungsbau, zum Innenhof hin jedoch mit größeren Fenstem, Türen und einem zweigeschossigen Kreuzgang geöffnet.

Natürlich kommen bei der Marienburg noch dazu die reichen gotischen Giebel und die kräftigen, maßvoll dekorierten Vierecktürme als Begleiter dieser Giebel.

Da 1945 die Burg als Verteidigungspunkt des Nogatüberganges lange verteidigt worden ist, wurde vor allem die Ostseite sehr stark beschädigt und ist erst provisorisch und notdürftig mit ungeeignetem Ziegeltnaterial wieder hergestellt worden.

Eine weitere sorgfältige Restaurierung der Ostseite steht noch aus, damit der Restaurierungszustand, der 1923 erreicht war (Restaurator Steinbrecht), wieder gewonnen wird. Es sei nur kurz vermerkt, daß vom späten 19. Jahrhundert an bis 1923 die Burg vom preußischen Staat nach alten Plänen, Stichen und Befunden höchst sorgfältig und mit großem Einfühlungsvermögen restauriert worden war am Innen- und Außenbau, wobei im Innem der Burg möglichst alle alten Gewölbe und Raumeinteilungen wiedergewonnen wurden, so wie sich die Burg im ausgehenden Mittelalter präsentiert haben muß. Vor allem die Räume des Hochmeisterpalastes, um 1340, mit ihren phantastischen und äußerst kühnen Gewölben veranschaulichen die hochentwickelte Raumkunst der Gotik im profanen Bereich.

Der so genannte Remter (der Speise- und Empfangssaal des Hochmeisters) ist ohne weiteres vergleichbar mit den Spitzenleistungen der gotischen Raumgestaltung in ganz Westeuropa.

Erstaunlich ist, daß man bei der ganzen Marienburg versucht hat, alle Bauformen möglichst nur in Ziegeln auszudrücken und nur an ganz wenigen Stellen (Fenstermaßwerke und Granitsäulen) den Naturstein zu Hilfe nahm.

Insgesamt ist die Burganlage von einer kräftigen Farbigkeit gekennzeichnet: sattrotbrauner Grundton der Ziegel, eingestreut in die große Mauerfläche geometrische Muster aus schwarzgebrannten Ziegeln, Glasursteine zur Bekrönung von Portalen und Fenstem, weiße Putzflächen in den Fensterlaibungen, mehrfarbige Glasurziegel auf den übersteilen Dächem. Auch die einfachen Wehrtürme tragen Ziegeldekorationen und ergänzen so die spannungsreiche und phantasievolle Silhouette dieser Festung in allen Bereichen und aus allen Blickwinkeln.

Wilhelm Römermann